Fällung und Flockung sind die tragenden Verfahren der chemisch-physikalischen Abwasserbehandlung. Sie überführen gelöste oder fein verteilte Inhaltsstoffe in eine abtrennbare Form — damit sie anschließend durch Sedimentation, Flotation oder Filtration aus dem Wasser entfernt werden können. Der Erfolg hängt weniger vom eingesetzten Produkt ab als von pH-Wert, Dosierung, Mischenergie und Verweilzeit.

Warum Partikel in Schwebe bleiben

Feinstpartikel im Abwasser (Kolloide, Größenordnung 1 nm bis 1 µm) sedimentieren praktisch nicht. Sie tragen an ihrer Oberfläche meist eine negative Ladung; um diese lagert sich eine elektrochemische Doppelschicht aus Gegenionen. Das an der Scherebene messbare Zetapotenzial ist ein Maß für die verbleibende Abstoßung: Je größer sein Betrag, desto stabiler die Suspension.

Nach dem Modell von Derjaguin, Landau, Verwey und Overbeek (DLVO) überlagern sich die anziehende Van-der-Waals-Kraft und die abstoßende elektrostatische Kraft. Erst wenn die Abstoßung verringert wird, überwiegt die Anziehung und die Partikel können zusammenlagern. Genau hier setzt die Behandlung an.

Zu unterscheiden sind:

ZustandCharaktertypischer Behandlungsansatz
echte LösungIonen/Moleküle, molekulardispersFällung, Ionenaustausch, Adsorption
Kolloid1 nm – 1 µm, stabil verteiltKoagulation + Flockung
Suspension> 1 µm, absetzbarSedimentation, Filtration
EmulsionÖltröpfchen in Wasser, tensidstabilisiertEmulsionsspaltung

Fällung

Bei der Fällung wird ein gelöster Stoff durch Zugabe eines Reagenzes in eine schwerlösliche Verbindung überführt. Maßgeblich ist das Löslichkeitsprodukt: Ein Feststoff fällt aus, sobald das Ionenprodukt den Wert überschreitet. Für ein zweiwertiges Metallhydroxid gilt

Da die Hydroxidkonzentration direkt am pH-Wert hängt, ist der pH-Wert die wichtigste Stellgröße der Metallfällung.

pH-Optimum und Amphoterie

Die Restlöslichkeit durchläuft ein Minimum: Zunächst sinkt sie mit steigendem pH-Wert, weil mehr Hydroxidionen zur Verfügung stehen. Bei amphoteren Metallen — unter anderem Zink, Aluminium, Blei und Chrom(III) — steigt sie im alkalischen Bereich jedoch wieder an, weil sich lösliche Hydroxokomplexe (z. B. Zinkat, Aluminat) bilden. Das Optimum liegt je nach Metall bei unterschiedlichen pH-Werten.

Praktische Folge: Bei Mischabwässern mit mehreren Metallen existiert oft kein gemeinsames Optimum. Dann sind ein Kompromiss-pH, eine mehrstufige Fahrweise oder ein anderes Fällungsprinzip (z. B. Sulfidfällung) erforderlich. Der zugehörige Chemikalienbedarf lässt sich mit dem pH- und Neutralisationsrechner abschätzen.

Fällungsarten und -mittel

FällungsartTypische ZielstoffeHinweise
Hydroxidfällung (Kalkhydrat, Natronlauge)Schwermetalle allgemeineinfach und günstig; pH-Optimum je Metall, Amphoterie beachten; mit Kalk hoher Schlammanfall
SulfidfällungMetalle mit sehr niedrigem Restwert (u. a. Quecksilber, Cadmium, Kupfer)deutlich geringere Restlöslichkeit als Hydroxide; strikt im alkalischen Bereich fahren — im Sauren droht Freisetzung von Schwefelwasserstoff
Carbonatfällung (Soda)Calcium, einzelne Schwermetalleauch zur Enthärtung
Phosphatfällung (Eisen-/Aluminiumsalze, Kalk)PhosphatStandardverfahren zur Einhaltung von Phosphor-Grenzwerten
Sulfatfällung (Kalk, Bariumsalze)SulfatBariumsalze nur unter strenger Beachtung der eigenen Toxizität

Vorbehandlung nicht vergessen: Chrom(VI) ist als Chromat gelöst und lässt sich nicht direkt fällen — es muss zuerst im sauren Milieu zu Chrom(III) reduziert und erst anschließend gefällt werden. Ebenso werden Cyanide vor der Metallfällung oxidativ zerstört.

Koagulation und Flockung

Fällung erzeugt zunächst nur feinste Partikel. Die eigentliche Abtrennbarkeit entsteht in zwei aufeinanderfolgenden Schritten:

  1. Koagulation (Destabilisierung). Mehrwertige Kationen — meist Eisen(III)- oder Aluminiumsalze, auch vorpolymerisierte Produkte wie Polyaluminiumchlorid — neutralisieren die negative Oberflächenladung und komprimieren die Doppelschicht. Das Zetapotenzial geht gegen null, die Partikel lagern sich zu Mikroflocken zusammen. Bei hoher Dosierung wirkt zusätzlich die Sweep-Flockung: Ein voluminöser Metallhydroxid-Niederschlag reißt Trübstoffe mechanisch mit.
  2. Flockung (Agglomeration). Langkettige Polymere verbinden die Mikroflocken durch Brückenbildung zu großen, scherstabilen Makroflocken mit guter Absetz- und Entwässerungseigenschaft.

Diese Reihenfolge ist verbindlich: Ein Flockungshilfsmittel kann eine nicht destabilisierte Suspension nicht wirksam agglomerieren.

Flockungshilfsmittel (Polymere)

Als Flockungshilfsmittel dienen wasserlösliche Polyelektrolyte, technisch überwiegend Polyacrylamid-Copolymere. Drei Eigenschaften bestimmen die Wirkung:

Ansetzen und Dosieren entscheiden mit über den Erfolg: Pulverprodukte müssen klumpenfrei eingestreut werden und benötigen eine Reifezeit, damit sich die Knäuel entfalten; die Ansatzlösung ist stark verdünnt und begrenzt haltbar. Nach der Dosierung darf nur noch langsam gerührt werden — hohe Scherung zerreißt gebildete Flocken irreversibel.

Überdosierung ist kontraproduktiv: Zu viel Polymer belegt die Partikeloberflächen vollständig, kehrt die Ladung um und restabilisiert die Suspension — die Trübung steigt wieder an. Das Dosieroptimum ist deshalb experimentell zu bestimmen (siehe Jar-Test).

Abgrenzung: Gelöste Flockungspolymere (Polyelektrolyte) sind nicht mit synthetischen Polymermikropartikeln („Mikroplastik") zu verwechseln, die unter die Beschränkung nach REACH Anhang XVII fallen. Die Begriffe betreffen unterschiedliche Stoffformen und Regelungen.

Mischenergie und Verweilzeit

Die Rührbedingungen sind ein eigener Auslegungsparameter. Kenngröße ist der Geschwindigkeitsgradient

mit der eingetragenen Leistung , der dynamischen Viskosität und dem Reaktionsvolumen . In der Praxis wird das Produkt aus Gradient und Verweilzeit betrachtet:

Jar-Test (Flockungsversuch)

Die Auslegung erfolgt nicht rechnerisch, sondern im Becherglasversuch: In mehreren parallelen Ansätzen werden pH-Wert, Fällungsmittel und Polymerdosis variiert; beurteilt werden Flockenbild, Absetzverhalten (Absetzzeit, Schlammvolumen) und die Klarphase (Trübung, Restgehalt der Zielparameter).

Der Jar-Test liefert damit unmittelbar die Betriebsparameter: optimaler pH-Wert, Fällungsmittelart und -menge, Polymertyp und Dosierbereich sowie eine Abschätzung des Schlammanfalls. Solche Flockungs-, Fällungs- und Filtrationsversuche führen wir im Rahmen der Leistung Messtechnik & Analytik selbst durch.

Abtrennung der Flocken und Schlammbehandlung

VerfahrenPrinziptypischer Einsatz
SedimentationSchwerkraftabsetzung im Absetzbecken/Lamellenklärerschwere, gut gewachsene Flocken
Flotation (DAF)Anheften feiner Luftblasen, Austrag nach obenleichte Flocken, Fette und Öle
FiltrationRückhalt an Filterschicht oder MembranNachreinigung, Resttrübung
KammerfilterpresseDruckentwässerung des SchlammsEntwässerung vor Entsorgung

Der anfallende Schlamm ist mitzuplanen: Menge, Entwässerbarkeit und Entsorgungsweg beeinflussen die Verfahrenswahl oft stärker als die reinen Chemikalienkosten. Die Kalkfällung etwa ist günstig im Reagenz, erzeugt aber deutlich mehr Schlamm als eine Natronlaugefällung.

Emulsionsspaltung

Öl-in-Wasser-Emulsionen — etwa Kühlschmierstoffe, Wasch- und Entfettungsbäder — sind durch Tenside stabilisiert und lassen sich nicht durch bloßes Absetzen trennen. In Emulsionsspaltanlagen wird die Stabilisierung gezielt aufgehoben:

Nach der Spaltung folgt in der Regel eine Nachbehandlung der wässrigen Phase (Neutralisation, Metallfällung, Restölabtrennung). Die Auslegung solcher Anlagen begleiten wir im Rahmen der Leistung Wasseraufbereitung.

Typische Störgrößen

Rechtsrahmen der Einleitung

Ob eine Behandlung ausreicht, bemisst sich an den Einleitbedingungen. Zu unterscheiden ist die Direkteinleitung in ein Gewässer von der Indirekteinleitung in eine Kanalisation. Den allgemeinen Rahmen bildet die Allgemeine Abwasseremissionsverordnung (AAEV); ergänzend gelten branchenspezifische Abwasseremissionsverordnungen (AEV) sowie für Indirekteinleiter die Indirekteinleiterverordnung (IEV). Verbindlich sind im Einzelfall stets der wasserrechtliche Bewilligungsbescheid und die jeweils geltende Fassung der Verordnungen.

Einordnung

Dieser Artikel vertieft die chemisch-physikalische Stufe aus dem Verfahrensüberblick zur Wasseraufbereitung. Verfahrensauswahl, Anlagenbegleitung und Betriebsmitteloptimierung bieten wir im Rahmen der Leistung Wasseraufbereitung an; die zugehörigen Analysen und Versuche im Bereich Messtechnik & Analytik.

Quellen

Hinweis: Dieser Artikel dient der fachlichen Orientierung und ersetzt keine Beurteilung im Einzelfall; verbindlich sind die jeweils geltenden Rechts- und Regelwerke in ihrer aktuellen Fassung.

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